FACH : Begrüßung : Komparatistik
 
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BEGRÜSSUNG

Liebe Besucherin, lieber Besucher,

Sie interessieren sich für ein Studium des Faches Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, im folgenden der Kürze halber AVL, an der Universität Leipzig. Um Ihnen die Entscheidung für (oder auch gegen) dieses Fach zu erleichtern, haben Ihnen die Lehrenden die folgenden Informationen zusammengestellt. Ich möchte Ihnen aber, bevor Sie sich mit den Einzelheiten beschäftigen, gleich zu Anfang die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium nennen und Sie bitten, sich ehrlich und selbstkritisch zu prüfen: Lesen Sie gern? Diese Frage sollten Sie uneingeschränkt bejahen, denn der Umgang mit literarischen Texten verschiedener Epochen und Sprachen wird Sie durch Ihr Studium begleiten. Die Studierenden unseres Faches stellen häufig fest, daß die AVL ein Studiengang mit hohen Anforderungen an die Leselust der Absolventinnen und Absolventen ist, und es gehört, wie ich gern hinzufüge, zu den angenehmsten Erfahrungen mit unseren Studierenden, daß sie diesen Arbeitsaufwand nicht beklagen, sondern als bereichernd empfinden. Das Interesse ist auch an den seit 1991/92, dem Beginn der AVL an der Universität Leipzig, stetig ansteigenden Studentenzahlen abzulesen, die uns zur Einführung eines Nummerus clausus veranlaßten – damit wir diejenigen, die zu uns kommen, so intensiv wie möglich betreuen können!

Wenn ich Sie, als Information und Warnung zugleich, auf die Breite des komparatistischen Lesepensums hinweise, so hängt die Aufforderung 'legere aude' mit der Eigenart des Faches zusammen. Es beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Literaturen verschiedener Sprachen und Kulturen sowie mit den Verbindungen zwischen der Literatur einerseits, den Künsten und Wissenschaften andererseits. Diese kompliziert erscheinende Fachdefinition, die sich indes auf einen breiten internationalen Konsens stützt, läßt sich auch etwas einfacher fassen: Wir beschäftigen uns mit Literatur in internationalen und interkulturellen Kontexten. Aus diesen Darlegungen mögen Sie die Vielfalt des Faches ersehen, das Ihnen vielleicht schon jetzt interessant erscheint; ich kann Ihnen versichern: Es ist auch interessant . Ich hoffe, Sie verstehen nun besser, warum die Bereitschaft zur Lektüre die wichtigste Voraussetzung ist, die Sie für das Studium dieses Faches mitbringen sollten.

Die Leipziger Universitätsbibliothek verfügt über einen Bestand von fast fünf Millionen Büchern, darunter reiche Altbestände, die für Studium und Forschung viele Entdeckungen bereithalten. Rechnet man die Sammlungen der Deutschen Bücherei hinzu, stehen Ihnen — von den Stadt- und sonstigen Bibliotheken gar nicht zu sprechen — in Leipzig mehr als zwölf Millionen Bücher zur Verfügung. Daß trotzdem in manchen Fällen die benötigten Titel, vor allem im Bereich fremdsprachiger Sekundärliteratur, nicht am Ort vorhanden sind, ist (wie man hier sagt:) dem Devisenmangel der ehemaligen DDR ‚geschuldet‘. Die Leipziger Universität mit der Fülle der an ihr vertretenen Fächer lädt zu 'Ausflügen' in andere Disziplinen ein, aber auch die Kultur- und Medienstadt Leipzig mit ihrem breiten kulturellen Angebot bietet viele Anreize, das Studium außerhalb der Universität fortzusetzen.

Es war viel von Voraussetzungen und Anforderungen innerhalb des Fachstudiums AVL die Rede; ich glaube, im Namen der Lehrenden und der Studierenden zu sprechen, wenn ich zum Schluß anmerke, daß Lehre und Studium nicht nur Forderungen an uns stellen, sondern auch uns allen Spaß machen.

Sie werden bald zu einer persönlichen Entscheidung kommen; ich würde mich freuen, sie Ihnen erleichtert zu haben. Wenn Sie sich für ein Studium der AVL an der Universität Leipzig entscheiden, sind Sie uns herzlich vollkommen.

Prof. Dr. Angelika Hoffmann-Maxis

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KOMPARATISTIK

1. K., („comparative literature“, „littérature comparée“), im dt. Sprachraum zumeist als „Vergleichende Literaturwissenschaft“ bezeichnet, hat literaturwissenschaftliche Fragestellungen zum Gegenstand, die in doppelter Weise grenzüberschreitend sind - zum einen bezogen auf Sprach- und Nationengrenzen, zum anderen im Hinblick auf die Grenzziehungen zwischen der Literatur einerseits und den Künsten bzw. den Natur- und Geisteswissenschaften andererseits. So kann K. definiert werden als eine Wissenschaft, die sich mit Literatur über die Grenzen eines Landes hinaus sowie mit jenen Beziehungen beschäftigt, die zwischen der Literatur und anderen kulturellen Phänomen wie z.B. den Künsten auf der einen, den Wissenschaften auf der anderen Seite bestehen.

2. Die speziellen Aufgabenbereiche der K. leiten sich aus der historisch gesicherten Erkenntnis ab, daß die Wirkung von Literatur an den Grenzen der Sprachen, Nationen und Disziplinen nicht haltmacht und daß die Spezifik des Literarischen im Zusammenwirken mit anderen kulturellen Phänomenen besonders deutlich hervortritt. Internationale Literaturbeziehungen sind Gegenstand der Einfluß-, Wirkungs- oder Rezeptionsforschung, die in Frankreich lange Zeit insbesondere unter dem Aspekt der „rapports de fait" betrieben wurde (Baldensperger, Van Tieghem, Guyard). Die Wirkung von Literatur über Sprach- und Nationengrenzen hinaus betrifft auch das traditionelle Gebiet der Stoff-, Themen- und Motivforschung (Thematologie), das teilweise auch die anderen Künste bzw. die Ethnologie, Geistes- und Mentalitätsgeschichte (Trousson) tangiert. In einem Grenzbereich zwischen Literatur-, Geistes- und Sozialgeschichte ist die komparatistische Imagologie situiert; als „image“/„mirage“-Forschung (J.-M. Carré) hat sie das Eigen- und Fremdbild der Nationen zum Gegenstand (D.-H. Pageaux in Frankreich, H. Dyserinck in Deutschland). Die Beschäftigung mit Übersetzungen als Mittel des Literatur- und Kulturtransfers gehört, eher unter kulturgeschichtlichem als unter im engeren Sinne linguistischem Aspekt, ebenfalls zu den Aufgabenbereichen der K. Zumeist der Allgemeinen Literaturwissenschaft zugerechnet, wobei sich die genaue Abgrenzung zur Vergleichenden Literaturwissenschaft schwierig gestaltet, umfaßt das Gebiet der K. auch Problemstellungen der Gattungsgeschichte und -typologie sowie Fragen der Epochenbestimmung und -abgrenzung. All diese Aufgabenbereiche lassen sich als ein Bündel von literaturwissenschaftlichen Problemstellungen betrachten, die zu ihrer Lösung der vergleichenden Perspektive bedürfen.

3. Insbesondere Themen- und Motivforschung sowie Epochen- und Periodisierungsfragen bilden die Nahtstellen zwischen der Literatur und den Künsten bzw. Wissenschaften. Über seine "innerliterarische“ Aufgabenstellung hinaus, die lange Zeit von der frz. Schule als die eigentliche und einzige Domäne der K. aufgefaßt wurde, öffnet sich das Fach zunehmend dem Dialog der Literatur mit den anderen Künsten sowie mit den Medien; dieser Impuls ging von der amerik. Schule (vor allem von Bloomington, wo Remak und Weisstein lehrten) aus und erfaßt in neuerer Zeit auch die frz. K. Handelt es sich bei den intermedialen Beziehungen der Literatur - unter Beachtung der jeweiligen Unterschiede der "medialen" Vermittlung - um innerkünstlerische Bezüge, stellt das neueste Gebiet der K., der Vergleich zwischen der Literatur und den Wissenschaften, literarische Texte in außerästhetische, soziokulturelle Kontexte. Die Beziehungen zwischen Literatur, Theologie, Philosophie, Psychologie, Medizin, Soziologie usw. bilden im Rahmen der K. - gegenüber der innerliterarischen und der innerästhetischen - eine innerdiskursive Ebene: Der Vergleich zwischen Literatur und Wissenschaften hat nicht nur thematische und konzeptionelle Analogien zum Inhalt, sondern die Vergleichbarkeit basiert hier auf der diskursiven Verfaßtheit" von Literatur und Wissenschaften gleichermaßen; beide Vergleichsglieder übernehmen, variieren und erarbeiten Diskursformen und -modelle. In einer Zeit immer engerer internationaler Verbindungen, aber auch immer größerer Spezialisierungen der akademischen Fächer, kann die K. dazu beitragen, die Bedeutung der Literatur in kulturellen Kontexten zu unterstreichen.

4. Trotz dieser vielschichtigen Aufgabenbereiche versteht sich die K. nicht gegenüber den Einzel- oder „National“-Philologien als eine Hyper-Philologie, zumal deshalb nicht, weil sie selbst keine textkritisch-editorische Arbeit leistet und somit auf dem Fundament ihrer Forschungen, der Textinterpretation, von den anderen Philologien profitiert. Dies gilt auch für Forschungsergebnisse, einzelne Autoren, Werke, Epochen usw., die vielfach für die K. den Ausgangspunkt ihrer Arbeit markieren.

5. Die K. hat sich (als „littérature comparée“ eigentlich: „verglichene Literatur“) schon in der Nomenklatur dem Vergleichen verschrieben und damit einer traditionellen heuristischen Methode. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Phänomenen zu finden, zu allgemeinen Regeln und Gesetzmäßigkeiten vorzudringen ist, nicht nur in der K., Ziel und Aufgabe des Vergleichens. Die Komplexität literarischer Werke macht die Unterscheidung verschiedener Ver- gleichsebenen notwendig, die z.B. Thematik, Stilistik, Metaphorik, Technik des Diskurses, Konzeptualisierung („Gehalt") betreffen. Die Beziehungen zwischen den verglichenen bzw. zu vergleichenden Autoren und Werken, Schulen und Epochen können grundsätzlich von zweierlei Art sein: zum einen bestehen nachweisbare historische Einflüsse, Wirkungen, Bezugnahmen („Kontakte“); zum anderen basiert die im Vergleich sich darstellende Verwandtschaft nur auf der Analogie von kulturellen Rahmenbedingungen. Deshalb unterscheidet man zwischen genetischen und typologischen Relationen bzw. Vergleichen (Durišin). Liegt im Falle von inter- und supranationalen Literaturvergleichen die Vergleichbarkeit im Gegenstand selbst, seiner „Literarität“, erfordert der Vergleich zwischen der Literatur und den Künsten („comparative arts“) bzw. Wissenschaften andere methodische Vorgehensweisen. Strukturalismus, Semiotik und Diskurstheorie geben hierbei dem Vergleichen ein theoretisches Fundament, das auch für den Literaturvergleich im engeren Sinne nutzbar gemacht werden kann. Wenn das Fach von einer allgemein akzeptierten Theorie des Vergleichens noch weit entfernt ist, mag sich dieser methodologische Makel auch daraus erklären, daß der Vergleich zwar den Anfang komparatistischer Literaturbetrachtung bildet, kaum aber den Schlußpunkt zu setzen vermag. Die weite Perspektivik des Faches erfordert vielmehr die Synopsis der Phänomene, so daß der Vergleich eher eine pragmatische Ausgangsbasis als die Realisation einer Zielvorstellung ist. Auch insofern gilt die streitbare Formel von René Etiemble: „Comparaison n'est pas raison.“

6. Die im 19. Jh. sich vollziehende Etablierung der neueren Philologien als Nationalphilologien, zugleich der historische „Grund“ für die Herausbildung der K., ließ die inter- und übernationalen Aspekte der Literaturgeschichte in den Hintergrund treten; auch Einsichten in den Charakter des Literarischen sowie die Reflexion der Literatur als eines kulturellen Phänomens jenseits nationaler Unterschiede wurden durch die Beschränkung auf nationalliterarische Gesichts-punkte eher erschwert. Die langwierige und komplizierte Entstehungsgeschichte der K. ist vor dem Hintergrund der Nationalphilologien und des weiteren auch im Zusammenhang mit der Herausbildung der Nationalstaaten im 19. Jh. zu sehen.

Bereits vor der Etablierung der K. als akademische Disziplin gab es erste Ansätze zu einer vergleichenden Literaturbetrachtung. Hierzu zählt die Querelle des Anciens et des Modernes (1687-1716), da hier erstmals ein Bewußtsein von kulturellen Unterschieden und von der jeweiligen Besonderheit der neueren Literaturen im Vergleich mit der Antike entstand. Vergleichende Literaturbetrachtung, wie sie z.B. durch Voltaire (Essai sur la poésie épique, 1727), Lessing (Briefe, die neueste Literatur betreffend, 1759-1765) oder John Andrew (Cornparative view of tbe French, and English nations in their manners, politics, and literature, 1785) repräsentiert wird, hatte die K. vorbereitet und den internationalen Vergleich als Mittel der Literaturgeschichtsschreibung ins Bewußtsein gehoben; sie ist jedoch von der Fach-geschichte im engeren Sinne zu unterscheiden. Dies gilt auch für die im Rahmen des Faches K. kanonisch gewordenen Schriften wie z.B. A.W. Schlegels frz. geschriebener Vergleich (1807) der Phädra von Euripides und Racine oder dessen Vorlesungen aber dramatische Kunst und Literatur (1808), Mme de Staëls De l'Allemagne (1810), Stendhals Racine et Shakespeare (1822), Friedrich Bouterweks Geschichte der Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des 13. Jh. (1801-1819). Als Beginn der K. im akademisch-programmatischen Sinne gelten die Vorlesungen von Abel François Villemain an der Sorbonne (Examen de l'influence exercée par les écrivains français du XVIlle siècle sur les littératures étrangères, 1827/28) sowie die von Jean-Jacques Ampère an der Ecole Normale Supérieure (seit 1830), dann ab 1833 am Collège de France durchgeführten Veranstaltungen zur vergleichenden Literaturgeschichte. Das erste Fachorgan erschien, ediert von Hugó Meltzl de Lomnitz, 1877 im damals ungarischen Klausenburg (Zeitschrift für vergleichende Literatur, ab 1879 Acta Comparationis Litterarum Universarum); die Zeitschrift stellte, wohl unter dem Konkurrenzdruck der Zeitschrift für Vergleichende Literaturgescbichte (187-1910, herausgegeben von Max Koch), 1888 Ihr Erschei- nen ein.

7. Es dauerte noch mehrere Jahrzehnte, bis nach den programmatischen Anfängen des Faches in Frankreich die ersten Lehrstühle für K. eingerichtet wurden: in Neapel 1861, in Harvard 1890, Zürich 1896, Lyon 1897 - dieser Lehrstuhl, den zuerst Joseph Texte, dann Fernand Baldensperger innehatte, markiert den Anfang der frz. Univer- sitäts-K. -, schließlich 1910 an der Sorbonne (Paris). In Deutschland begann die Geschichte der K. als akademischer Disziplin 1946 mit der Einrichtung der Mainzer Professur durch die frz. Besatzungsmacht. 1954 wurde die „International Cornparative Literature Association“ in Oxford gegründet, die seit 1955 im Drei-Jahres-Zyklus Kongresse veranstaltet, deren Akten publiziert werden. 1969 erfolgte die Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“ (DGAVL), die ebenfalls alle drei Jahre Tagungen veranstaltet. Zu den wichtigsten Fachorganen gehören die Revue de Littérature Comparée (Paris, seit 1921), Comparative Literature (University of Oregon, seit 1949), Comparative Literature Studies (University of Illinois, seit 1964), Yearbook of Comparative and General Literature (Indlana University, seit 1952), arcadia (Bonn, später Tübingen, seit 1966), Neohelicon (Budapest, seit 1973), Rivista di letterature moderne e comparate (Florenz, seit 1949).

8. Gegenüber den Anfängen des Faches und den Gründen seiner Entstehung ergeben sich aus den historischen Entwicklungen sowohl innerhalb der Wissenschaften als auch global für die K. vielfach neue Aufgaben. Hatte Baldensperger 1921 der K. die Vorbereitung eines „neuen Hurnanismus“ angetragen, steht das Fach heute, im Zeitalter immer engerer internationaler Beziehungen und immer größerer kultureller Vielfalt, vor ungekannten Herausforderungen. Sah Manfred Gsteiger 1967 eine der Aufgaben der K. darin, den Nationalliteraturen eine Super-Struktur zu verleihen und die Gemeinsamkeiten aller Literaturen zu eruieren, scheint heute eine ausschließlich auf die Literatur ausgerichtete K. kaum in der Lage, im Rahmen eines Dialogs der Kulturen ihre Stimme vernehmlich zu machen. Schon 1963 hatte René Etiemble die Beschränkung auf einen europäischen oder zumindest eurozentrischen Literaturkanon scharf kritisiert, und die aktuelle Multikulturalität rückt das Fach, zumal in den USA, in größere Nähe zu den „Cultural Studies“ als zur Literaturwissenschaft im engeren Sinne. Es ist nicht zu bestreiten, daß Literatur und Kultur keine einander ausschließenden Größen sind, sondern daß im Gegenteil die „litterae“ in diversen kulturellen Kontexten stehen; gleichwohl bewahrt die Literatur, auch wenn sie als kulturelle Praxis verstanden wird, einen spezifischen Charakter, der insbesondere durch den Vergleich - literaturintern, aber ebenso zwischen der Literatur und anderen Formen der Kultur - zutage tritt: Am Studium der Texte führt auch in der K. kein Weg vorbei.

Angelika Corbineau-Hoffmann

 

Lit.: C. Bernheimer (Hg.): Comparative literature in the age of multiculturalism, 1995. - H. Dyserinck: K., 3 1991. - Z. Konstantinovic: Vergleichende Literaturwissenschaft, 1988. - U. Weisstein: Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft, 1968.

 

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